Ein Zuger Wohnhaus, dessen Ursprung im 14. Jahrhundert liegt, erlebt eine behutsame Renaissance und erzählt seine Geschichte nach einer umfassenden Renovation weiter.



Eingebettet zwischen Altstadtgasse und Grabenstrasse liegt in der Zuger Altstadt das ehrwürdige, denkmalgeschützte Haus der Keiser-Pfründe – auch bekannt unter dem Namen Kanonenhaus. Die Katholische Kirchgemeinde Zug beauftragte die Röösli Architekten unter der Leitung von Patrick Röösli und Aline Johansson, es sorgfältig zu sanieren. Ziel des Projekts war es, die historische Substanz zu bewahren und zugleich neuen Raum für eine Wohngemeinschaft der Stiftung Zuwebe zu schaffen. Menschen mit Beeinträchtigungen finden hier ein Zuhause, das sowohl funktional als auch von Geschichte durchdrungen ist. Seine Aussenmalereien aus dem Jahr 1630 (zuletzt 1904 und 1961 restauriert) sind nur ein Teil davon. Verschiedene Zeitepochen überlagern sich hier, bis zurück zu den mittelalterlichen Strukturen, die beim Umbau sichtbar wurden.
Alte Bauschichten wurden ans Licht gebracht. «Man konnte genau erkennen, wo die ursprünglich älteste Stadtmauer durchging», erzählt Aline Johansson. Je genauer man hinschaut, desto mehr entdeckt man den wahren Kern des Hauses, schwärmt sie: «Jedes Mal, wenn ich vor Ort war, habe ich in einer Ecke etwas Neues entdeckt.» Durch die behutsame Restaurierung erhielt ein 700-jähriger Bau eine neue Stimme.
Patina erwacht zu neuem Leben
«Wenn
wir ein Altstadthaus betreten, fragen wir uns: Was ist seine
Geschichte? Und lernen in einem ersten Schritt das Haus kennen», erklärt
Aline Johansson. Dazu nutzen die Architekten Archive und arbeiten mit
Archäologen, Restauratoren und der Denkmalpflege zusammen. «Es ist ein
Privileg, an so einem Ort wohnen zu dürfen», sagt die Projektleiterin
über die zukünftige Wohngemeinschaft. «Leider werden Wände alter Bauten
oft in Weiss überstrichen.» Häuser würden dadurch stumm werden und sich
nicht mehr in ihrer ursprünglichen Qualität präsentieren.
Auch im Zuger Kanonenhaus wurden Holztäfer unterschiedlicher Epochen in Weiss überstrichen. Die Restauratoren legten die originalen Farbfassungen sorgfältig frei, und das Architekturbüro entwickelte ein Farbkonzept, das es mit der Denkmalpflege vor Ort bei natürlichem Licht präzisiert hat. Nun schmücken harmonische beige-rötliche und grüne Töne die Wände. Im Gang legten Restauratoren alte Malereien frei, die unter späteren Farbfassungen verborgen waren. Die älteste Wandverkleidung des Hauses stammt aus dem 17. Jahrhundert. Darunter entdeckte man eine Wandmalerei, die rund 30 Jahre vor dem Täfer gemacht wurde.
«Raum für Raum übernahmen Handwerker Vorhandenes und werteten es mit Reparaturen und dem passenden Anstrich auf», erklärt Johansson. «Räume werden dadurch lauter – teilweise auch ein bisschen chaotisch. Aber das passt zur Altstadt.» Nicht überall liessen sich die alten Farbfassungen wiederherstellen. Im Wohnbereich war zuvor eine Verkleidung mit Sperrholzplatten aus den 1970er-Jahren. Diese wurde entfernt und durch eine andere Verkleidung ersetzt. Die Decke des Dachbereichs wurde mit hellem Tannentäfer ausgestattet. Für den Boden wählte man ein Linoleummuster, das sich harmonisch an die bestehenden Farben anpasste. Das Material bleibt dezent, lässt aber erkennen, dass es neu ist. Die Treppe zeigt sich neu gestrichen in einem warmen Braunton.


Callots kleine Welt
Hinter modernen Wandplatten auf altem Holz kamen Callot-Figuren zum Vorschein – kleinwüchsige Hofleute nach Vorlagen des Kupferstechers Jacques Callot. Die 1622 entstandenen «Gobbi»-Grafiken dürften im 17. oder frühen 18. Jahrhundert nach Zug gelangt sein, heisst es im Bericht des Amtes für Denkmalpflege und Archäologie. Callots Figuren dienten auch als Vorlage für lebensgrosse Skulpturen aus Sandstein oder Marmor. «Später sind daraus Zwerge entstanden, die wir heute in unseren Gärten kennen», erklärt die Projektleiterin. «Im 17. und 18. Jahrhundert lösten die Callot-Figuren einen regelrechten Zwergenboom aus.»
Eingang zur Altstadt
Die Spuren vergangener Jahrhunderte prägen nicht nur die Wände im Inneren, sondern auch die Art, wie man das Haus heute erschliesst. Anwohner nutzten früher oft den Gartenzugang an der Grabenstrasse. Die eigentliche Haupttüre zur Altstadtgasse ohne Sonnerie und Briefkasten ging fast vergessen. Die Architekten wollten sie reaktivieren. «Sie ist sehr historisch und fällt sofort ins Auge», verrät die Projektleiterin. Neu gelangen Besucher über die wiederbelebte historische Pforte zum Appartement. So wird der Garten wieder privat.
Ursprünglich war das Wohnen im obersten Stock geplant. Diese Idee wurde verworfen, um die gemeinsamen Räume mit Gartenzugang unten zu gestalten. Ein sanft geschwungener Übergang zwischen Haus und Grünzone sollte den Anschluss schaffen. «Wir wollten den Aussenbereich in weicherer Form gestalten, damit er an den historischen Graben der Grabenstrasse erinnert», erklärt Aline Johansson. Im ersten Entwurf noch als schwungvolle Brücke geplant, verbindet heute ein klassisches Balkon-Element Garten und Wohngeschoss. «Ein richtig schönes Plätzchen mit viel Sonne ist entstanden. Tagsüber zwitschern die Vögel in der Tanne», schwärmt die Architektin.
Schräg und voller Charakter
Die Rückmeldungen zum Umbau waren positiv – auch von den Anwohnern. Dabei fiel vielen auf, dass das Haus leicht schräg steht. «Manchen wurde bei der Besichtigung fast schwindelig», schmunzelt Aline Johansson. Das Gebäude hat sich auf der Seeseite um rund 20 Zentimeter abgesenkt. «Wir haben diese Schräge bewusst so gelassen – eine Korrektur wäre zu massiv gewesen.»
Im obersten Stockwerk wurden die Treppe und der Estrich ausgebaut. Es ist der einzige Eingriff, der in die Originalsubstanz vorgenommen wurde. «Es war von Anfang an klar, dass die künftigen Nutzer eine Wohngemeinschaft sein werden», sagt Johansson. Wären aus dem Haus zwei Wohnungen entstanden, hätte der historische Bestand mehr gelitten. «Dies wäre unter den schmalen Verhältnissen und Brandschutzanforderungen anspruchsvoll gewesen.»
«Die historische Einteilung mit zwei Kammern haben wir belassen», sagt Johansson und zeigt auf die Baupläne. «Nur im Dachgeschoss kamen zwei Zimmer dazu.» Alle Nasszellen und Böden wurden erneuert. Im unteren Bereich befand sich früher die Waschküche. Die Fensterläden in diesem Raum waren immer geschlossen. «Die Planer wollten den Raum stärker mit der Altstadt interagieren lassen.» Nun lassen sich die Fenster mit einfachen Scharnieren öffnen und präsentieren den Blick Richtung Altstadtgasse. Zwischen den alten Sparren entstanden dezente Dachaufbauten – für viel Tageslicht im neuen Geschoss. Die alten Ziegel auf der Grabenstrassen-Seite wurden für die Dämmung abgenommen und danach wieder aufgelegt.
Phasen einer Küche
Für die Küche hat das Architekturbüro ein «Werkstatt-Küchenkonzept» erstellt. Sie wird von vielen Bewohnern gleichzeitig genutzt, und es herrschen enge Platzverhältnisse. «Daher kam die Idee, das Küchendesign in Arbeitsphasen zu unterteilen», erzählt Johansson. «In einem bestehenden Schrank befindet sich das «Trockenlager», wo jeder seine eigenen Produkte platzieren darf. Der Kühlschrank stellt das Kühllager dar. Am dritten Ort finden die Zubereitung und der Abwasch statt. Vis-à-vis wird gekocht und gebacken.» So sind die Phasen klar voneinander getrennt. «Die Seite mit dem Kochen und Backen haben wir schwarz gestaltet – in Anlehnung an die alten Rauchküchen, die sich zuvor hier im Herzen des Hauses befanden.»
Altstadt-Echo
Wenn Aline Johansson heute durch die Zuger Altstadt spaziert, weitet sich ihr Blick und schweift über die Fassaden. Sie entdeckt stets Neues, wie einst beim historischen «Kanonenhaus». Auf die Frage, was sie an diesem Projekt besonders faszinierte, muss sie nicht lange überlegen: «Es macht Spass, einem Altstadthaus seinen ursprünglichen Glanz zurückzugeben.»
Nach umfassender Renovation erzählt das Haus seine Geschichte weiter: mit neuer Stimme, doch im vertrauten Ton.
Architektur
Röösli Architekten


Mehr Inspirationen für den Hausumbau gibt es in der Ausgabe 1/26 vom Magazin HÄUSER MODERNISIEREN.
Text: Adrienne Brehm, Fotos: Daniela Burkart, burkart.lu fotografie
aus dem Magazin: Häuser modernisieren, Zeitschrift Nr. 1/2026